Teil 2

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Was meint Jesus, wenn er von ekklesia spricht?

 

13. In den Evangelien erscheint der Begriff ekklesia nur an zwei Stellen.

Und zwar bei Mat­thä­us 16,18 und 18,17. Ange­sichts der her­aus­ra­gen­den Bedeu­tung, die die katho­lische Kir­che die­sem Begriff und die­ser Insti­tu­ti­on zuschreibt, ist es erstaun­lich, dass Jesus sich so spär­lich dazu äußert – oder dass die Evan­ge­lis­ten die ande­ren Zita­te nicht erwäh­nens­wert fin­den.

 

14. Im Alten Testament ist damit „Versammlung“ oder „Gemeinde“ gemeint.

Der grie­chi­sche Begriff ekkle­sia (ἐκκλησία) bedeu­tet ursprüng­lich „Gemein­schaft der Heraus­gerufenen“. Er wird im Alten Tes­ta­ment recht häu­fig ver­wen­det. Dort wird er i.d.R. mit „Ver­samm­lung“ oder „Gemein­de“ über­setzt und meint die Gemein­schaft des israeliti­schen Vol­kes – das Volk Got­tes. Hier eini­ge Bei­spie­le:

  • Wer aber unrein gewor­den ist und sich nicht ent­sün­digt, ein sol­cher Mensch ist aus der Ver­samm­lung aus­zu­mer­zen. (4 Mose 19,20)
  • Nicht nur die Ober­häup­ter der Stäm­me kamen zusam­men, son­dern die gan­ze Gemein­de der Israe­li­ten. (Rich­ter 20,2)
  • Ich will dei­nen Namen mei­nen Brü­dern ver­kün­den, inmit­ten der Gemein­de dich prei­sen. (Ps 22,23)
  • Fast hät­te mich alles Unheil getrof­fen in der Ver­samm­lung und in der Gemein­de. (Spr 5,14)

Es gibt kei­nen Grund, war­um der Begriff ekkle­sia im NT eine ande­re Bedeu­tung haben soll.

 

15. Jesus erklärt nicht, was er unter ekklesia versteht.

Jesus erklärt weder hier noch an einer ande­ren Stel­le, was er mit ekkle­sia meint, wor­in sich sein ekkle­sia-Ver­ständ­nis von dem des AT unter­schei­det. Es gibt kei­nen Grund, war­um Jesus dar­un­ter nicht wie im AT die von Gott her­aus­ge­ru­fe­ne Gemein­schaft oder Gemein­de (die zu die­sem Zeit­punkt bereits besteht), son­dern eine neu zu grün­den­de Insti­tu­ti­on Kir­che unter mensch­li­cher Lei­tung meint.

 

16. Ekklesia wird im NT meistens mit „Gemeinde“ übersetzt.

Im gesam­ten NT kommt der Begriff ekkle­sia 91 mal vor. [19] Nur die Ein­heits­über­set­zung über­setzt ihn mit „Kir­che“ – und das auch nur an 27 Stel­len; an den übri­gen 64 Stel­len ist meis­tens von „Gemein­de“ die Rede. [20]

Alle ande­ren Bibel­über­set­zun­gen, die ich prü­fen konn­te (Luther-Bibel von 1984, Revi­dier­te Elber­fel­der, Gute Nach­richt, Hoff­nung für Alle, Schlach­ter 2000, Neue Gen­fer Über­set­zung, und Neu­es Leben) [21] ver­wen­den den Begriff „Kir­che“ an kei­ner ein­zi­gen Stel­le! In der Regel wird ekkle­sia dort mit „Gemein­de“ über­setzt – was etwas völ­lig ande­res ist.

 

Was bedeutet „Kirche“?

 

17. Mit „Kirche“ meint die Kirche nicht die Gemeinschaft der Gläubigen.

Der Begriff „Kir­che“ hat (abge­se­hen vom Gebäu­de) min­des­tens zwei Bedeu­tun­gen:

• die Gemein­schaft der Christ­gläu­bi­gen (im enge­ren Sinn die Gemein­schaft der katho­lischen Christ­gläu­bi­gen);

• die Insti­tu­ti­on, die unter der Lei­tung des Paps­tes und der Bischö­fe steht und sich auf die Apos­to­li­sche Suk­zes­si­on grün­det – oder anders aus­ge­drückt: die Lei­tung der Gläu­bi­gen oder das „Hir­ten­amt“. [22]

Das ist ein ganz wesent­li­cher Unter­schied – auch wenn im nor­ma­len Sprach­ge­brauch zwi­schen die­sen bei­den Bedeu­tun­gen nicht unter­schie­den wird. [23]

Wenn vom „Lehr­amt der Kir­che“, der „Auto­ri­tät der Kir­che“ usw. die Rede ist, kann natür­lich nur die zwei­te Bedeu­tung gemeint sein.

Auch bei der katho­li­schen Inter­pre­ta­ti­on der Petrus-Beru­fung wird der Begriff ekkle­sia als „Insti­tu­ti­on Kir­che“ gedeu­tet, denn mit ihr soll der Füh­rungs­an­spruch und die Auto­ri­tät des Paps­tes begrün­det wer­den. (Eine Kir­che im Sin­ne von „Gemein­schaft der Christ­gläu­bi­gen“ braucht kei­ne Petrus-Beru­fung und muss nicht erst von Petrus auf­ge­baut wer­den – Jesus hat­te sie bereits gegrün­det.) Es gibt aber kei­nen Hin­weis dar­auf, dass Jesus dem Begriff ekkle­sia eine neue Bedeu­tung gege­ben hat (sie­he Nr. 14).

 

18. Jesus wollte keine Institution Kirche gründen.

Jesus erwar­te­te und ver­kün­de­te die unmit­tel­ba­re Nähe des Got­tes­rei­ches:

  • Kehrt um! Denn das Him­mel­reich ist nahe. (Mt 3,2 und Mt 4,17)
  • Die Zeit ist erfüllt, das Reich Got­tes ist nahe. (Mk 1,15)
  • Heilt die Kran­ken, die dort sind, und sagt den Leu­ten: Das Reich Got­tes ist euch nahe. (Lk 10,9)
  • Amen, ich sage euch: Von denen, die hier ste­hen, wer­den eini­ge den Tod nicht erlei­den, bis sie den Men­schen­sohn in sei­ner könig­li­chen Macht kom­men sehen. (Mt 16,28 und Lk 9,27)

In die­ser unmit­tel­ba­ren Jen­seits-Erwar­tung war die Grün­dung einer Insti­tu­ti­on Kir­che über­flüs­sig. [24]

 

19. Jesus warnte die Jünger davor, zu herrschen und Macht auszuüben:

Wäh­rend des Abend­mahls, nach­dem Jesus ankün­dig­te, dass er ver­ra­ten und aus­ge­lie­fert wer­de, ent­stand unter den Jün­gern ein Streit, wer von ihnen wohl der Größ­te sei.

Da sag­te Jesus: Die Köni­ge herr­schen über ihre Völ­ker und die Mäch­ti­gen las­sen sich Wohl­tä­ter nen­nen. Bei euch aber soll es nicht so sein, son­dern der Größ­te unter euch soll wer­den wie der Kleins­te und der Füh­ren­de soll wer­den wie der Die­nen­de. (Lk 22,25–26)

Die Päps­te nen­nen sich zwar seit Gre­gor dem Gro­ßen (690–604) Ser­vus Ser­vo­r­um Dei [25] (Die­ner der Die­ner Got­tes), aber das scheint eher dazu bestimmt gewe­sen zu sein, die Macht die­ses Amtes mit dem bibli­schen Auf­trag „Wer der Ers­te sein will, soll der Letz­te von allen und der Die­ner aller sein“ (Mk 9,35) in Ein­klang zu brin­gen.

Beson­ders krass zeigt sich der Wider­spruch zwi­schen Anspruch und Wirk­lich­keit bei Papst Gre­gor VII. (1073–1085). Er ver­fass­te den Dic­ta­tus Papae [26] (Dik­tat des Paps­tes) mit 27 Lehr­sät­zen über den Pri­mat des Paps­tes. Dar­in legt er unter ande­rem fest:

9. Dass alle Fürs­ten nur des Paps­tes Füße küs­sen.
12. Dass es ihm erlaubt ist, Kai­ser abzu­set­zen.
18. Dass sein Urteils­spruch von nie­man­dem wider­ru­fen wer­den darf und er selbst als ein­zi­ger die Urtei­le aller wider­ru­fen kann.
19. Dass er von nie­man­dem gerich­tet wer­den darf.

Bis in die Neu­zeit ver­wen­den die Päps­te in offi­zi­el­len Schrei­ben und Anspra­chen den Plu­ra­lis maje­sta­tis. [27] Johan­nes Paul I. war der ers­te Papst, der dar­auf ver­zich­te­te.

Noch heu­te betont die Kir­che die Gewalt des Paps­tes. Im Codex des Kano­ni­schen Rechts von 1983 heißt es unter Num­mer 331:

des­halb ver­fügt er kraft sei­nes Amtes in der Kir­che über höchs­te, vol­le, unmit­tel­ba­re und uni­ver­sa­le ordent­li­che Gewalt, die er immer frei aus­üben kann. [28]

 

Wie stand Jesus zu einem Oberhaupt der Kirche?

 

20. Jesus hat Petrus nie als seinen Stellvertreter benannt.

Der katho­lische Theo­lo­ge und Bischof Joseph Georg Stroß­may­er sag­te in sei­ner 1871 auf dem Ers­ten Vatika­nischen Kon­zil gehal­ten­den Rede „Über die Unfehl­bar­keit des Paps­tes“:

Wenn Simon, der Sohn Jonas’, das gewe­sen wäre, wofür wir heut­zu­ta­ge Sei­ne Hei­lig­keit Pius IX. hal­ten, so ist es wun­der­bar, daß Chris­tus nicht zu ihm sag­te: ‚Wenn ich zu mei­nem Vater auf­ge­fah­ren bin, sollt ihr alle dem Simon Petrus gehor­chen, wie ihr mir gehor­chet. Ich fes­te ihn zu mei­nem Stell­ver­tre­ter auf Erden ein.‘ Chris­tus schweigt über die­sen Punkt und denkt nicht im Gerings­ten dar­an, der Kir­che ein Haupt zu geben. [29]

 

21. Jesus hat allen Aposteln die gleiche Vollmacht gegeben.

Ihr sollt in mei­nem Reich mit mir an mei­nem Tisch essen und trin­ken, und ihr sollt auf Thro­nen sit­zen und die zwölf Stäm­me Isra­els rich­ten. (Lk 22,30)

Er erwähnt kei­nen „Ober­thron“.

 

22. Jesus sagte zu Petrus: „Satan, geh mir aus den Augen!“

Es ist unvor­stell­bar, dass Jesus aus­ge­rech­net den Jün­ger zu sei­nem Stell­ver­tre­ter und ober­sten Haupt der Kir­che macht, dem er schon vier Ver­se spä­ter vor­wirft, gegen den Wil­len Got­tes zu han­deln:

Jesus aber wand­te sich um und sag­te zu Petrus: Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall brin­gen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, son­dern was die Men­schen wol­len. (Mt 16,23)

 

23. Jesus wollte keine Rangunterschiede unter den Aposteln.

Sie kamen nach Kafarnaum. Als er dann im Haus war, frag­te er sie: Wor­über habt ihr unter­wegs gespro­chen? Sie schwie­gen, denn sie hat­ten unter­wegs mit­einander dar­über gespro­chen, wer (von ihnen) der Größ­te sei. Da setz­te er sich, rief die Zwölf und sag­te zu ihnen: Wer der Ers­te sein will, soll der Letz­te von allen und der Die­ner aller sein. (Mk 9,33–35)

 

Hatte Petrus eine herausragende Stellung?

 

24. Petrus war nicht „der Erste der Apostel“.

Die Kir­che bezeich­net Petrus als den „Ers­ten der Apos­tel“. [30] Es stimmt zwar, dass er in den vier Apos­tel­lis­ten (Mt 10,2; Mk 3,18; Lk 6,15 und Apg 1,13) an ers­ter Stel­le genannt wird [31], denn er war unbe­streit­bar Wort­füh­rer der Apos­tel und stand in einem beson­ders engen Ver­hält­nis zu Jesus. Er war aber nicht der zuerst beru­fe­ne Apos­tel. Das war sein jün­ge­rer Bru­der Andre­as.

 

25. Petrus war nicht der Lieblingsjünger Jesu.

Ein beson­de­res Ver­hält­nis hat­te Jesus zu Johan­nes. Er wird mehr­mals als „der Jün­ger, den Jesus lieb­te“ bezeich­net (Joh 13,23; Joh 19,26; Joh 20,2; Joh 21,7; Joh 21,20).

 

26. Petrus war nicht „Erstzeuge der Auferstehung“.

Die Kir­che lehrt [32], Jesus sei nach sei­nem Tod zuerst dem Petrus erschie­nen. Begrün­det wird das mit 1 Kor 15,5:

Er ist am drit­ten Tag auf­er­weckt wor­den, gemäß der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf.

Es ist unver­ständ­lich, dass die Kir­che das Zeug­nis der Evan­ge­lis­ten igno­riert:

Mat­thä­us:

Sogleich ver­lie­ßen sie [die Frau­en] das Grab und eil­ten voll Furcht und gro­ßer Freu­de zu sei­nen Jün­gern, um ihnen die Bot­schaft zu ver­kün­den. Plötz­lich kam ihnen Jesus ent­ge­gen und sag­te: Seid gegrüßt! (Mt 28,8–10)

Mar­kus:

Als Jesus am frü­hen Mor­gen des ers­ten Wochen­ta­ges auf­er­stan­den war, er­schien er zuerst Maria aus Mag­da­la, aus der er sie­ben Dämo­nen aus­ge­trie­ben hat­te. (Mk 16,9)

Johan­nes:

Die Engel sag­ten zu ihr [Maria von Mag­da­la]: Frau, war­um weinst du? Sie ant­wor­te­te ihnen: Man hat mei­nen Herrn weg­ge­nom­men und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat. Als sie das gesagt hat­te, wand­te sie sich um und sah Jesus daste­hen, wuss­te aber nicht, dass es Jesus war. Jesus sag­te zu ihr: Frau, war­um weinst du? (Joh 20,13–14)

Lukas:

Im Lukas-Evan­ge­li­um wird nicht aus­drück­lich Jesus genannt. Hier erschei­nen den Frau­en am Grab „zwei Män­ner in leuch­ten­den Gewän­dern“. (Lk 24,4)

Der Kir­chen­his­to­ri­ker Prof. Dr. Klaus Schatz SJ, der Petrus eben­falls für den „Erst­zeu­gen der Auf­er­ste­hung“ hält, erklär­te das in einer per­sön­li­chen E-Mail an mich so:

Es stimmt, die Frau­en waren nach allen Evan­ge­li­en die ers­ten Zeu­gen des Auf­er­stan­de­nen, noch vor den Jün­gern. Nur waren die Zwölf und hier beson­ders Petrus die ers­ten ‚amt­li­chen‘, bevoll­mäch­tig­ten Zeu­gen (zumal Frau­en nach jüdi­scher Auf­fas­sung nicht zeug­nis­be­rech­tigt waren), und als sol­che sind sie, und an ers­ter Stel­le Petrus, in 1 Kor 15,5 auf­ge­zählt […]. Aber wo es auf amt­li­che Bezeu­gung ankam, hat­ten Petrus und die Zwölf den Vor­rang.

Das reicht mir als Begrün­dung nicht aus. Die Autoren des Mat­thä­us-, Mar­kus- und Johan­nes-Evan­ge­li­ums berich­ten über die Erschei­nun­gen am lee­ren Grab, und zwar nicht in der Form „Als die Frau­en vom Grab zurück kamen, erzähl­ten sie …“, son­dern so, als wären die Evan­ge­lis­ten selbst dabei gewe­sen. Für sie war das Zeug­nis trotz der jüdi­schen Vor­be­hal­te gegen­über den Frau­en glaub­wür­dig und wich­tig.

Wenn die Evan­ge­lis­ten die Schil­de­run­gen der Frau­en ernst genom­men haben, gibt es kei­nen Grund, war­um das die Kir­che – erst recht heu­te – nicht auch tun soll­te.

Außer­dem kön­nen wir davon aus­ge­hen, dass Jesus wuss­te, wem er wann erschien. Dass er sich zuerst den Frau­en zeig­te, war sicher kein Zufall.

 

27. Petrus hat nie einen höheren Rang beansprucht oder eingenommen.

Nir­gends in den Schrif­ten, die tra­di­tio­nell dem Apos­tel Petrus zuge­schrie­ben wer­den (1. und 2. Petrus­brief) behaup­tet er, dass er eine spe­zi­el­le Rol­le, Auto­ri­tät oder Macht über die ande­ren Gemein­den hät­te. Im Gegen­teil:

Eure Ältes­ten ermah­ne ich, da ich ein Ältes­ter bin wie sie (1 Petr 5,1)

Auch in den übri­gen Schrif­ten des Neu­en Tes­ta­ments gibt es kei­ne Stel­len, aus denen her­vor­geht, dass Petrus einen beson­de­ren Rang bean­sprucht oder ein­ge­nom­men hät­te.

 

28. Die Apostel haben Petrus nie eine herausgehobene Stellung gewährt.

Meh­re­re Schrift­stel­len wei­sen auf das Gegen­teil hin:

Als die Apos­tel in Jeru­sa­lem hör­ten, dass Sama­ri­en das Wort Got­tes ange­nom­men hat­te, schick­ten sie Petrus und Johan­nes dort­hin. (Apg 8,14)

Nicht Petrus schick­te die Apos­tel – die Apos­tel schick­ten Petrus!

Des­halb gaben Jako­bus, Kephas und Johan­nes, die als die ‚Säu­len‘ Anse­hen genie­ßen, mir und Bar­na­bas die Hand zum Zei­chen der Gemein­schaft. (Gal 2,9)

Hier wer­den drei Apos­tel ohne Unter­schei­dung im Rang genannt. [33]

Pau­lus weist Petrus öffent­lich zurecht:

Als Kephas aber nach Antio­chia gekom­men war, bin ich ihm offen entgegen­getreten, weil er sich ins Unrecht gesetzt hat­te. (Gal 2,11)

Das hät­te er sicher nicht gemacht, wenn er Petrus als den von Gott ein­ge­setz­ten Ober­hir­ten ange­se­hen hät­te. Erst recht nicht, wenn er der Über­zeu­gung war, Petrus sei „in Glaubens­fragen unfehl­bar“.

Es wur­de mir näm­lich, mei­ne Brü­der, von den Leu­ten der Chloë berich­tet, dass es Zank und Streit unter euch gibt. Ich mei­ne damit, dass jeder von euch etwas ande­res sagt: Ich hal­te zu Pau­lus, ich zu Apol­los, ich zu Kephas, ich zu Chris­tus. Ist denn Chris­tus zer­teilt? Wur­de etwa Pau­lus für euch gekreu­zigt? Oder seid ihr auf den Namen des Pau­lus getauft wor­den? (1 Kor 1,11–13)

Der Streit, den Pau­lus hier erwähnt, wäre undenk­bar, wenn die Urge­mein­de die „Petrus-Beru­fung“ so ver­stan­den hät­te, wie es die katho­lische Kir­che spä­ter inter­pre­tier­te. Wenn Pau­lus in Petrus den „Stell­ver­tre­ter Jesu Chris­ti“ gese­hen hät­te, hät­te er an die­ser Stel­le mit Sicher­heit dar­auf hin­ge­wie­sen – denn kein Argu­ment hät­te den Streit bes­ser schlich­ten kön­nen als der Hin­weis auf den aus­drück­li­chen Wil­len Jesu.

 

29. Auf dem Konzil zu Jerusalem hat Petrus keine Leitungsfunktion.

In Jeru­sa­lem fand ein all­ge­mei­nes Kon­zil statt (Apg 15). Es ging um die Fra­ge, ob sich bekehr­te Hei­den nach den jüdi­schen Vor­schrif­ten beschnei­den las­sen muss­ten.

  • Nicht Petrus berief das Kon­zil ein – son­dern die Gemein­de in Antio­chi­en.
  • Sie wand­ten sich nicht an Petrus – son­dern an die Apos­tel und die Ältes­ten in Jeru­sa­lem.
  • Nicht Petrus lei­te­te die Ver­samm­lung – „die Apos­tel und die Ältes­ten tra­ten zusam­men, um die Fra­ge zu prü­fen“.
  • Nicht Petrus hielt das ent­schei­den­de Schluss­plä­doy­er – son­dern Jako­bus.
  • Nicht Petrus ent­schied den Streit – son­dern „die Apos­tel und die Ältes­ten zusam­men mit der gan­zen Gemein­de“.
  • Nicht Petrus ver­fass­te das Schluss­do­ku­ment – son­dern „die Apos­tel und die Ältes­ten“.

Ent­we­der war den Kon­zil­teil­neh­mern nicht bekannt, was Jesus über die Voll­mach­ten des Petrus gesagt hat – oder sie haben es igno­riert.

 

30. Paulus weiß nichts von einem Papstamt.

Ein Schrift­stel­ler, der ein Buch über die Ver­fas­sung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land schreibt, dar­in aber mit kei­nem Wort das Amt des Bun­des­prä­si­den­ten erwähnt, wird sich vor­wer­fen las­sen müs­sen, etwas ganz Wesent­li­ches aus­ge­las­sen zu haben.

Aber genau das tat Pau­lus. Er nennt in sei­nen Schrif­ten ver­schie­de­ne Ämter, Diens­te und Auf­ga­ben in der Gemein­de [34]: Apos­tel (ἀπόστολος/apóstolos), Bischö­fe (επισκέπτομαι/ epis­keptomai), Dia­ko­ne (διάκονος/diakonos), Ältes­te (Pres­by­ter = πρεσβύτερος/ pres­buteros), Evan­ge­lis­ten, Hir­ten, Leh­rer und Pro­phe­ten. Vom Papst­amt oder einer „obers­ten Füh­rung“ der Kir­che schreibt er nichts. Es ist sehr unwahr­schein­lich, dass er ein solch wich­ti­ges Amt ver­ges­sen hät­te, beson­ders wenn es – im Unter­schied zu den übri­gen Ämtern – von Jesus selbst ein­ge­setzt wor­den wäre.

 

31. Paulus weiß nichts von der besonderen Stellung des Petrus.

Ein Schrift­stel­ler, der heu­te ein Buch über Joseph Alois Ratz­in­ger, über sei­ne Zeit als Flak­helfer, Theo­lo­gie­stu­dent, Kaplan, Theo­lo­gie­pro­fes­sor, Bischof und Kar­di­nal schreibt, aber mit kei­nem Wort sei­ne Wahl zum Papst erwähnt, wird sich vor­wer­fen las­sen müs­sen, etwas ganz Wesent­li­ches aus­ge­las­sen zu haben.

Aber genau das tat Pau­lus: Mit kei­nem Wort erwähnt er den beson­de­ren Rang des Apos­tels Petrus als Ober­haupt der Kir­che. Es ist sehr unwahr­schein­lich, dass er die beson­de­re Stel­lung des Petrus ver­ges­sen hät­te.

 

32. Paulus weiß nichts von Petrus als Fundament der Kirche.

Im Gegen­teil: Er bezeich­net alle Apos­tel als „Fun­da­ment“:

Ihr seid auf das Fun­da­ment der Apos­tel und Pro­phe­ten gebaut;
der Schluss­stein ist Chris­tus Jesus selbst. (Eph 2,20)

 

33. Die Apostelgeschichte verliert sehr früh die Spur des Petrus.

Bereits in der ers­ten Hälf­te der Apos­tel­ge­schich­te, im zwölf­ten von 28 Kapi­teln, wird Petrus das letz­te Mal erwähnt. Nach sei­ner wun­der­sa­men Befrei­ung aus dem Ker­ker des Hero­des Anti­pas heißt es: „Dann ver­ließ er sie und ging an einen ande­ren Ort.“ (Apg 12,17)

Wohin er ging und was er dann mach­te, wird nicht berich­tet.

Es ist nicht nach­zu­voll­zie­hen, war­um die Apos­tel­ge­schich­te die letz­ten 24 Jah­re des Stell­vertreters Chris­ti und Bischofs von Rom mit kei­nem Wort erwähnt. [35]

 

Was bedeuten die „Schlüssel des Himmelreichs“?

 

34. Petrus erhält keine exklusive „Schlüsselgewalt“.

Zur „Beru­fung des Petrus“ gehört auch der unmit­tel­bar fol­gen­de Vers:

Ich wer­de dir die Schlüs­sel des Him­mel­reichs geben; was du auf Erden bin­den wirst, das wird auch im Him­mel gebun­den sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Him­mel gelöst sein. (Mt 16,19)

Die Kir­che lehrt, Jesus habe mit die­sen Wor­ten Petrus eine beson­de­re Voll­macht erteilt – schließ­lich habe er ihn per­sön­lich ange­spro­chen. Doch schon kurz danach rich­tet sich Jesus mit den glei­chen Wor­ten an alle Jün­ger:

Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden bin­den wer­det, das wird auch im Him­mel gebun­den sein und alles, was ihr auf Erden lösen wer­det, das wird auch im Him­mel gelöst sein. (Mt 18,18) [36]

 

35. Die „Schlüsselgewalt“ kann anders gedeutet werden.

Die oben zitier­ten Bibel­stel­len geben der Kir­che nicht das Recht, nach Belie­ben zu bin­den oder zu lösen, son­dern sind ein Auf­trag. Mit einem Schlüs­sel kön­nen Türen sowohl geöff­net als auch ver­schlos­sen wer­den, aber Jesus hat deut­lich gemacht, dass es ihm um das Öff­nen geht:

Weh euch Geset­zes­leh­rern! Ihr habt den Schlüs­sel (der Tür) zur Erkennt­nis weg­ge­nom­men. Ihr selbst seid nicht hin­ein­ge­gan­gen und die, die hin­ein­ge­hen woll­ten, habt ihr dar­an gehin­dert. (Lk 11,52)

Oft wird die „Schlüs­sel­ge­walt“ mit der Sün­den­ver­ge­bung in Ver­bin­dung gebracht, denn es gibt einen ganz ähn­li­chen Vers:

Wem ihr die Sün­den ver­gebt, dem sind sie ver­ge­ben; wem ihr die Ver­ge­bung ver­wei­gert, dem ist sie ver­wei­gert. (Joh 20,23)

Hier gilt das glei­che: Die­ses Wort gewährt nicht die Frei­heit, Sün­den zu ver­ge­ben oder Sün­den nicht zu ver­ge­ben, son­dern ist ein Auf­trag:

Wenn ihr aber den Men­schen nicht ver­gebt, dann wird euch euer Vater eure Ver­feh­lun­gen auch nicht ver­ge­ben. (Mt 6,15)

Und wenn ihr beten wollt und ihr habt einem ande­ren etwas vor­zu­wer­fen, dann ver­gebt ihm, damit auch euer Vater im Him­mel euch eure Ver­feh­lun­gen ver­gibt. (Mk 11,25)

Seid gütig zuein­an­der, seid barm­her­zig, ver­gebt ein­an­der, weil auch Gott euch durch Chris­tus ver­ge­ben hat. (Eph 4,32)

Wie der Herr euch ver­ge­ben habt, so ver­gebt auch ihr. (Kol 3,13)

Von einer Gewalt im Sin­ne von Macht kann also kei­ne Rede sein. Sün­den zu ver­ge­ben ist kein Pri­vi­leg – nicht für Petrus, nicht für die Apos­tel und nicht für sei­ne Nach­fol­ger –, son­dern eine oft müh­sa­me Ver­pflich­tung. Es ist sicher zu ein­fach, das „Bin­den“ und „Lösen“ auf die Sün­den­ver­ge­bung zu redu­zie­ren. Ich weiß nicht, ob „Lösen“ im Ara­mäi­schen und Grie­chi­schen die glei­che Bedeu­tungs­viel­falt wie im Deut­schen hat; in unse­rer Spra­che las­sen sich jeden­falls nicht nur Fes­seln lösen (die Fes­seln der Sün­de, die Fes­seln des Todes), son­dern auch Kno­ten, Rät­sel, Pro­ble­me und Auf­ga­ben. So kön­nen Mt 16,19 und Mt 18,18 auch ver­stan­den wer­den als Auf­ruf an die Jün­ger, sich der unge­lös­ten Auf­ga­ben und Pro­ble­me der Welt anzu­neh­men:

War­tet nicht taten­los auf das Him­mel­reich, son­dern küm­mert euch hier auf Erden um das, womit ich euch beauf­tragt habe. Denn was ihr auf Erden nicht erle­di­gen wer­det, dass wird auch am Ende der Zei­ten uner­le­digt sein.

 

Was ist mit dem „Hirtenamt“ gemeint?

Die zwei­te Bibel­stel­le, mit der die katho­lische Kir­che das Papst­amt begrün­det, ist das Wort, das Jesus an Petrus rich­tet: „Wei­de mei­ne Läm­mer!“ Hier der Text im Zusam­men­hang:

Als sie geges­sen hat­ten, sag­te Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johan­nes, liebst du mich mehr als die­se? Er ant­wor­te­te ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lie­be. Jesus sag­te zu ihm: Wei­de mei­ne Läm­mer! (Joh 21,15)

 

36. „Weide meine Lämmer“ begründet keinen Herrschaftsanspruch.

Die­se Bibel­stel­le ist unge­eig­net, den Herr­schafts­an­spruch des Petrus und sei­ner Nach­fol­ger zu begrün­den. Jesus sagt nicht „füh­re mei­ne Läm­mer“ oder „beauf­sich­ti­ge mei­ne Läm­mer“, son­dern beauf­tragt ihn, die Läm­mer zu wei­den, ihnen Nah­rung zu geben. Jesus beauf­tragt Petrus nicht mit der Herr­schaft über die Chris­ten­heit, son­dern ruft ihn dazu auf, den Läm­mern – der christ­li­chen Gemein­de – Got­tes Wort zu ver­kün­den (sie­he Mt 4,4). Die­ser Auf­trag rich­tet sich selbst­ver­ständ­lich nicht allein an die „Ober­hir­ten“, son­dern an alle, die in der apos­to­li­schen Nach­fol­ge ste­hen.

 

37. Das Hirtenamt ist kein exklusives Amt

Alle Hir­ten und Ältes­ten [37] sind auf­ge­ru­fen, die Her­de zu hüten:

Gebt Acht auf euch und auf die gan­ze Her­de, in der euch der Hei­li­ge Geist zu Bischö­fen bestellt hat, damit ihr als Hir­ten für die Kir­che Got­tes sorgt, die er sich durch das Blut sei­nes eige­nen Soh­nes erwor­ben hat. (Apg 20,28)

Petrus selbst [38] ermahnt sie, sich als Hir­ten um die Her­de Got­tes zu küm­mern – ohne dabei zu herr­schen:

Sorgt als Hir­ten für die euch anver­trau­te Her­de Got­tes, nicht aus Zwang, son­dern frei­wil­lig, wie Gott es will; auch nicht aus Gewinn­sucht, son­dern aus Nei­gung; seid nicht Beherr­scher eurer Gemein­den, son­dern Vor­bil­der für die Her­de. (1 Petr 5,2–3)

Denn „der obers­te Hirt“ ist Chris­tus! (1 Petr 5,4)

 

Was bedeutet „Stärke deine Brüder“?

Das drit­te Bibel­wort, mit dem die Kir­che den Papst­pri­mat begrün­det, lau­tet „Stär­ke dei­ne Brü­der“. Hier der Text im Zusam­men­hang:

Simon, Simon, der Satan hat ver­langt, dass er euch wie Wei­zen sie­ben darf. Ich aber habe für dich gebe­tet, dass dein Glau­be nicht erlischt. Und wenn du dich wie­der bekehrt hast, dann stär­ke dei­ne Brü­der. Dar­auf sag­te Petrus zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir sogar ins Gefäng­nis und in den Tod zu gehen. Jesus erwi­der­te: Ich sage dir, Petrus, ehe heu­te der Hahn kräht, wirst du drei­mal leug­nen, mich zu ken­nen. (Lk 22,31–34)

 

38. Es macht mehr Sinn, diese Anweisung „zeitnah“ zu interpretieren.

Den Auf­trag „Stär­ke dei­ne Brü­der“ gibt Jesus wäh­rend des Abend­mahls, unmit­tel­bar vor dem Gebet im Gar­ten Get­se­ma­ni, kurz vor sei­ner Ver­haf­tung. Die Kir­che deu­tet die­ses Wort als nach­pfingst­li­che Anwei­sung an Petrus als den künf­ti­gen Bischof von Rom (sie­he auch Nr. 40 und 41). Es ist näher lie­gend, dies als „zeit­na­he“ Anwei­sung zu inter­pre­tie­ren: „Du, Petrus, Wort­füh­rer der Jün­ger, stär­ke, ermu­ti­ge und trös­te dei­ne Brü­der in den kom­men­den Stun­den und Tagen: wenn ihr mich auf den Ölberg beglei­tet, wenn mich die Hohen­pries­ter und Haupt­leu­te gefan­gen neh­men, wenn ich gefol­tert und gekreu­zigt wer­de, wenn ich tot bin und ihr ohne Hoff­nung seid.“

 

39. Petrus hat den Auftrag nicht erfüllt.

Petrus schei­ter­te, denn der Glau­be ver­ließ ihn wie beim Gang über das Was­ser (Mt 14,28); im Gar­ten Get­se­ma­ni schläft er, wie die ande­ren Jün­ger, vor Erschöp­fung ein; er schafft es nicht, in sich selbst und in den Jün­gern den Glau­ben an die Auf­er­ste­hung des Men­schen­soh­nes wach zu hal­ten.

 

War Petrus unfehlbar?

 

40. Lk 22,32 sagt nichts über die Unfehlbarkeit des Petrus aus.

Seit sich gegen Ende des ers­ten Jahr­tau­sends des Idee des Papst­pri­mats durch­ge­setzt hat­te [39], galt der Bischof von Rom als obers­te Auto­ri­tät in Kir­chen­rechts- und Glau­bens­fra­gen. (Aller­dings wur­den vie­le wich­ti­ge Glau­bens­fra­gen auch auf Kon­zi­len ent­schie­den. [40]) Aber erst das Ers­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil ent­schied im Jahr 1870 rück­wir­kend, dass die Glau­bens­ent­schei­dun­gen aller römi­schen Bischö­fe bis zurück zu Petrus unfehl­bar sei­en. Im Kon­zils­de­kret Pas­tor aeter­nus [41] heißt es unter Ver­wen­dung des Bibel­ver­ses Lk 22,32:

Denn sie [die recht­gläu­bi­gen, hei­li­gen Leh­rer] wuss­ten zu klar, daß der Lehr­stuhl des hei­li­gen Petrus von jedem Irr­tum immer­dar frei blei­ben wer­de, weil der Herr, unser Erlö­ser, dem obers­ten sei­ner Jün­ger das gött­li­che Ver­spre­chen, getan: „Ich habe für dich gebe­tet, dass dein Glau­be nicht wan­ke, und du hin­wie­der stär­ke der­einst dei­ne Brü­der.“

Jesus sag­te nicht „Ich wer­de ver­hin­dern, dass dein Glau­be wan­ken wird“, son­dern „Ich habe für dich gebe­tet, dass dein Glau­be nicht wan­ke“. Das ist genau­so wenig eine Zusi­che­rung der Unfehl­bar­keit, wie der Satz „Weg mit dir, Satan!“ (Mt 16,23) eine Ver­dam­mung des Petrus ist. Wenn Jesus ihm die Gabe der Unfehl­bar­keit hät­te ver­lei­hen wol­len, hät­te er dafür deut­li­che­re Wor­te gefun­den, zum Bei­spiel: „Was du über mich und mei­nen Vater leh­ren wirst, das wird wahr sein, und alle sol­len dei­nen Leh­ren fol­gen.“

 

41. Pastor aeternus zitiert Lk 22,32 unvollständig.

In der Ein­heits­über­set­zung ist Lk 22,32 fol­gen­der­ma­ßen wie­der­ge­ge­ben:

Ich aber habe für dich gebe­tet, dass dein Glau­be nicht erlischt. 
Und wenn du dich wie­der bekehrt hast, dann stär­ke dei­ne Brü­der.

Hier ist nicht vom Wan­ken, son­dern vom dro­hen­den Erlö­schen des Glau­bens die Rede; der Glau­be war also offen­sicht­lich stark gefähr­det. Außer­dem unter­schlägt der Kon­zils­text die Bedin­gung: „wenn du dich wie­der bekehrt hast“. Die Bekeh­rung des Petrus stand also noch aus.

 

42. Petrus verhält sich nicht, als stünde er fest im wahren Glauben.

  • Nach­dem Jesus den Jün­gern erklär­te, „er müs­se nach Jeru­sa­lem gehen und von den Ältes­ten, den Hohen­pries­tern und den Schrift­ge­lehr­ten vie­les erlei­den; er wer­de getö­tet wer­den, aber am drit­ten Tag wer­de er auf­er­ste­hen“ (Mt 16,21), beweist Petrus, dass er ihn gründ­lich miss­ver­stan­den hat: er ver­sucht Jesus von sei­nem Kreu­zes­tod abzu­brin­gen. Dafür muss er sich hef­ti­ge Kri­tik gefal­len las­sen: „Geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall brin­gen; denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, son­dern was die Men­schen wol­len.“ (Mt 16,23) .
  • Trotz­dem ver­leug­net Petrus mehr­mals sei­nen Herrn (Mt 26,70ff). Sei­ne Angst vor einer mög­li­chen Fest­nah­me ist grö­ßer als die Lie­be zu Jesus und zur Wahr­heit. [42]
  • Jesus hat­te zwar sei­nen Tod und sei­ne Auf­er­ste­hung ange­kün­digt, aber als die Frau­en vom lee­ren Grab berich­te­ten, war Petrus genau­so ungläu­big wie die ande­ren Jün­ger: sie „hiel­ten alles für Geschwätz und glaub­ten ihnen nicht.“ Er über­prüf­te vor Ort ihre Anga­ben. „Dann ging er nach Hau­se, voll Ver­wun­de­rung über das, was gesche­hen war.“ (Lk 24,12) Dass Jesus die Wahr­heit sag­te, als er ankün­dig­te, er wer­de nach drei Tagen auf­er­ste­hen (Mk 8,31) scheint für Petrus unvor­stell­bar gewe­sen zu sein – obwohl er selbst die Got­tes­sohn­schaft Jesu aner­kannt hat und mehr­mals mit­er­leb­te, dass Jesus die Macht hat, Tote auf­zu­er­we­cken. .
  • Jesus fragt ihn: „Simon, Sohn des Johan­nes, liebst du mich mehr als die­se?“ Er ant­wor­tet: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lie­be.“ Jesus scheint die­ser Ant­wort nicht zu trau­en, denn er wie­der­holt die Fra­ge noch zwei Mal (Joh 21,15). .
  • In Gal 2,11ff schil­dert Pau­lus, wie er Petrus – angeb­lich der unfehl­ba­re obers­te Hir­te der Kir­che – öffent­lich kri­ti­sier­te, weil sein Ver­hal­ten gegen­über den Hei­den­chris­ten „unver­ein­bar mit der Wahr­heit des Evan­ge­li­ums sei“. [43]

Petrus erweist sich bei die­sen Ereig­nis­sen – zeit­lich nach der Ver­hei­ßung von Lk 22,32! – als unsi­cher, ungläu­big und irrend. Es ist unklar, wann und wodurch „jene Unfehl­bar­keit, mit der der gött­li­che Erlö­ser sei­ne Kir­che bei end­gül­ti­gen Ent­schei­dun­gen in Glau­bens- und Sit­ten­leh­ren aus­ge­rüs­tet haben woll­te“ [44], in Petrus oder sei­nen Nach­fol­gern wirk­sam wur­de.

 

 

Aus tech­ni­schen Grün­den stim­men die fol­gen­den Num­mern der Fuß­no­ten nicht mit den Fuß­no­ten-Num­mern im Text über­ein. (Das Pro­gramm beginnt die Zäh­lung auf jeder Sei­te mit 1.) Die Ver­lin­kung der Fuß­no­ten funk­tio­niert aber!

 

 

   
  1. Ermit­telt über den Such­be­griff eccle­sia in der latei­ni­schen Vul­ga­ta. (Ich kann kein Grie­chisch).
  2. Im Mat­thä­us-Evan­ge­li­um ste­hen die bei­den ein­zi­gen Stel­len, in denen Jesus selbst von ekkle­sia spricht. Bei Mt 16,18 ver­wen­det (nur) die Ein­heits­über­set­zung den Begriff „Kir­che“. Bei Mt 18,17 über­setzt sogar die Ein­heits­über­set­zung ekkle­sia mit „Gemein­de“: „Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemein­de. Hört er aber auch auf die Gemein­de nicht, dann sei er für dich wie ein Hei­de oder ein Zöll­ner.“
  3. Das sind die deutsch­spra­chi­gen Bibel­aus­ga­ben, die unter http://​www​.bib​le​ser​ver​.com/ ein­ge­se­hen wer­den kön­nen.
  4. Der „Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che“ (KKK) nennt unter Nr. 752 drei Bedeu­tun­gen für den Begriff Kir­che: „Im christ­li­chen Sprach­ge­brauch bezeich­net ‚Kir­che‘ die lit­ur­gi­sche Ver­samm­lung […], aber auch die Orts­ge­mein­de […] oder die gesam­te Gemein­schaft der Gläu­bi­gen […]. Die­se drei Bedeu­tun­gen las­sen sich nicht von­ein­an­der tren­nen. Die ‚Kir­che‘ ist das Volk, das Gott in der gan­zen Welt ver­sam­melt. Sie besteht in den Orts­ge­mein­den und ver­wirk­licht sich als lit­ur­gi­sche, vor allem als eucha­ris­ti­sche Ver­samm­lung.“
    Die­se Defi­ni­ti­on ist unvoll­stän­dig. Das „Lehr­amt der Kir­che“ lässt sich kei­ner die­ser drei Bedeu­tun­gen zuord­nen.
  5. Auch ich ver­wen­de den Begriff „Kir­che“ recht undif­fe­ren­ziert. Manch­mal ver­wen­de ich zur Unter­schei­dung den Begriff „Insti­tu­ti­on Kir­che“. Deut­licher wäre es gewe­sen, wenn ich den Begriff „Amts­kirche“ ver­wen­det hät­te; dar­auf habe ich aber ver­zich­tet, als ich las, dass die­ser Begriff auch „im abschät­zi­gen Sin­ne“ ver­wen­det wird. http://​de​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​A​m​t​s​k​i​r​che
  6. Pro­fes­sor Karl Heinz Ohlig schreibt in „Das Papst­amt und sei­ne Geschich­te“ (2006): „Da er [Jesus] über­zeugt war, dass ‚das Ende‘ bald kom­men wer­de […], beschäf­tig­te er sich nicht mit wei­ter­rei­chen­den zeit­li­chen Per­spek­ti­ven, also einer Zeit nach ihm. In die­sem Kon­text ist auch die Wahl eines enge­ren Zwöl­fer­krei­ses unter den Jün­gern zu sehen; wenn die­ser Kreis ins Leben Jesu zurück­reicht (was wahr­schein­lich, aber nicht sicher ist), sym­bo­li­siert er den Anspruch Jesu auf eine Reform der ‚Zwölf Stäm­me‘, also ganz Isra­els; er hat nichts mit einem kirch­li­chen Amt zu tun.“ http://​www​.phil​.uni​-sb​.de/​p​r​o​j​e​k​t​e​/​i​m​p​r​i​m​a​t​u​r​/​2​0​0​5​/​i​m​p​0​5​0​7​0​5​.​h​tml
  7. Nach dem Annu­a­rio Pon­ti­fi­cio (dem offi­zi­el­len Jahr­buch des Vati­kans) trägt Bene­dikt XVI. außer dem Titel Ser­vus Ser­vo­r­um Dei noch fol­gen­de Titel: Vica­ri­us Iesu Chris­ti („Stell­ver­tre­ter Jesu Chris­ti“), Suc­ces­sor Princi­pis Apos­to­lo­rum („Nach­fol­ger des Apos­tel­fürs­ten“), Pri­mas Ita­liae („Pri­mas von Ita­li­en“), Archie­pi­scopus et Metro­po­li­ta­nus Pro­vin­ciae Roma­nae („Erz­bi­schof und Metro­po­lit der Kir­chen­pro­vinz Rom“), „Sou­ve­rän des Staa­tes der Vati­kan­stadt“ und Sum­mus Pon­ti­fex Eccle­siae Uni­ver­sa­lis („Obers­ter Pries­ter der Welt­kir­che“).
    Der Pon­ti­fex Maxi­mus war der obers­te Wäch­ter des alt­rö­mi­schen Göt­ter­kults. Der Titel ging spä­ter auf den römi­schen Kai­ser über. Leo der Gro­ße war der ers­te Bischof von Rom (440–461), der die­sen Titel über­nahm.
  8. http://​de​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​D​i​c​t​a​t​u​s​_​P​a​pae
  9. Der Plu­ra­lis maje­sta­tis ist die Bezeich­nung der eige­nen Per­son im Plu­ral als Aus­druck der Macht.
  10. Nur am Ran­de erwähnt: Auch das 2000 von Papst Johan­nes Paul II. ein­ge­führ­te „Neue Grund­ge­setz des Vati­kan­staats“ kennt kei­ne Gewal­ten­tei­lung, son­dern gibt dem Papst die gesetz­ge­ben­de, aus­füh­ren­de und rich­ter­li­che Gewalt (Legis­la­ti­ve, Exe­ku­ti­ve und Judi­ka­ti­ve). Der Vati­kan gehört damit zu den letz­ten abso­lu­tis­tisch regier­ten Staa­ten – neben Bru­nei, Katar, Oman, Sau­di-Ara­bi­en und Swa­si­land.
  11. http://​docs​.goog​le​.com/​a​n​g​l​i​c​a​n​h​i​s​t​o​r​y​.​o​r​g​/​o​c​/​s​t​r​o​s​s​m​a​y​e​r​_​r​e​d​e​.​pdf
  12. Zum Bei­spiel im Kano­ni­schen Recht über den Papst (can. 331 CIC)
  13. Das ist aber nicht immer der Fall. In Gal 2,9, wo Petrus als eine von drei Säu­len der Gemein­de beschrie­ben wird, lau­tet die Rei­hen­fol­ge: Jako­bus, Petrus und Johan­nes.
  14. Zum Bei­spiel im Kate­chis­mus, Nr. 641
  15. Die drei Apos­tel Petrus, Jako­bus und Johan­nes wer­den oft gemein­sam genannt (Mt 17,1; Mk 5,37; Mk 9,2; Mk 14,33; Lk 5,10; Lk 8,51; Lk 9,28). Offen­sichtlich haben alle drei ein beson­ders enges Ver­hält­nis zu Jesus.
  16. Zum Bei­spiel in den „Diens­te-Lis­ten“ 1 Kor 12,28 und Eph 4,11.
  17. Hero­des ging im Jahr 39 nach Rom und wur­de von dort nach Süd­gal­li­en ver­bannt (http://​de​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​H​e​r​o​d​e​s​_​A​n​t​i​pas). Der Katechis­mus gibt das Todes­jahr des Petrus mit ca. 65 an. Für die Datie­rung der Apos­tel­ge­schich­te gibt es im Wesent­li­chen zwei Argu­men­ta­ti­ons­li­ni­en: Die eine nimmt das Jahr 63 an, die ande­re den Zeit­raum 80 bis 90. Es feh­len also min­des­tens 24 Jah­re aus dem Leben des Petrus.
  18. Dr. Lud­wig Neid­hart schreibt in „Das Papst­amt: Anma­ßung oder bibli­sches Amt der Ein­heit?“ (http://​catho​lic​-church​.org/​a​o​/​p​s​/​p​a​p​s​t​.​h​tml): „Dass auch den übri­gen Apos­teln eine vor Gott gül­ti­ge Bin­de- und Löse­ge­walt zuge­spro­chen wird (Mt 18,16), ist kein Argu­ment gegen den Vor­rang des Petrus: Denn die­ser Vor­rang zeigt sich dar­in, dass dem Petrus ein­zeln und als ers­tem zuge­spro­chen wird, was die ande­ren erst spä­ter und kol­lek­tiv erhal­ten.“
    Das Argu­ment ist nicht schlüs­sig. Der Auf­er­stan­de­ne zeig­te sich zuerst Maria Mag­da­le­na und den Frau­en, danach erst Petrus und den ande­ren Jün­gern – ohne dass die Kir­che dar­aus einen Vor­rang für Maria Mag­da­le­na und die Frau­en abge­lei­tet hät­te.
  19. Im Neu­en Tes­ta­ment bezeich­net Bischof (epis­ko­pos) eben­so wie Ältes­ter (pres­byte­ros) und Dia­kon (dia­ko­nos = Die­ner) eine Füh­rungs­funk­ti­on in der loka­len Gemein­de, wobei es kei­ne durch­ge­hen­den Rang­un­ter­schie­de zwi­schen ­Bischof und Ältes­ter gibt und die Aus­drü­cke oft aus­tausch­bar ver­wen­det wer­den. http://​de​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​B​i​s​c​hof
  20. Die his­to­risch-kri­ti­sche For­schung bezwei­felt heu­te über­wie­gend, dass Petrus der Ver­fas­ser der Petrus­brie­fe war.
  21. Dar­auf gehe ich genau­er ab Nr. 53 ein.
  22. http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_ökumenischer_Konzile
  23. http://​www​.kath​pe​dia​.com/​i​n​d​e​x​.​p​h​p​/​P​a​s​t​o​r​_​a​e​t​e​r​n​u​s​_​(​W​o​r​t​l​aut)
  24. Ich mache ihm des­we­gen kei­ne Vor­wür­fe. Ich fürch­te, ich wür­de in einer ähn­li­chen Situa­ti­on genau­so fei­ge han­deln.
  25. Gerd Lüde­mann in „Pau­lus, der Hei­den­apos­tel“ (Band 2, 1990): „In der gemisch­ten Chris­ten­ge­mein­de Antio­chi­ens hat­ten gebo­re­ne Juden mit Hei­den Tisch­ge­mein­schaft gehal­ten. Die­ser Pra­xis schloss sich Petrus an, als er in Antio­chi­en weil­te. Als eini­ge von Jako­bus kamen, zogen sich Petrus, Bar­na­bas und die übri­gen Juden aus Furcht vor den Beschnei­dungs­leu­ten [gemeint sind die Mit­glie­der der christ­li­chen Gemein­de Jeru­sa­lems] zurück, wor­auf Pau­lus den Petrus vor allen als schul­dig anklag­te: Durch die­se Akti­on zwin­ge Petrus die Hei­den, die jüdi­sche Lebens­wei­se anzu­neh­men, was unver­ein­bar mit der Wahr­heit des Evan­ge­li­ums sei.“
  26. Katho­li­scher Erwach­se­nen-Kate­chis­mus, Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz, 1985; Band 1, Sei­te 304

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