Teil 1

Ein­lei­tung · Teil 1 · Teil 2 · Teil 3 · Teil 4

 

Was hat Jesus wirklich zu Petrus gesagt?

 

1. Wir können nicht mehr feststellen, was Jesus tatsächlich gesagt hat.

Die Evan­ge­li­en sind kein ste­no­gra­phi­schen Mit­schrif­ten der Wor­te Jesu. Sie sind erst in der Zeit von etwa 65 bis 120 n. Chr., also frü­hes­tens 36 Jah­re nach sei­ner Him­mel­fahrt geschrie­ben wor­den:

  • das Mar­kus-Evan­ge­li­um: ca. 65 n. Chr.
  • das Mat­thä­us-Evan­ge­li­um: 80 bis 90 n. Chr.
  • das Lukas-Evan­ge­li­um: 80 bis 90 n. Chr.
  • das Johan­nes-Evan­ge­li­um: 110 bis 120 n. Chr.

Es ist unwahr­schein­lich, dass sich die Autoren nach so lan­ger Zeit noch an die genau­en Wor­te erin­nern konn­ten.

 

2. Nur Matthäus berichtet von der „Berufung des Petrus“.

Die Syn­op­ti­ker Mat­thä­us, Mar­kus und Lukas beschrei­ben über­ein­stim­mend das Gespräch, das Jesus mit den Apos­teln im Gebiet von Cae­se­rea Phil­ip­pi führt:

Mat­thä­us 16,13–16
Als Jesus in das Gebiet von Cäs­area Phil­ip­pi kam, frag­te er sei­ne Jün­ger: Für wen hal­ten die Leu­te den Men­schensohn? Sie sag­ten: Die einen für Johan­nes den Täu­fer, ande­re für Eli­ja, wie­der ande­re für Jere­mia oder sonst einen Pro­phe­ten. Da sag­te er zu ihnen: Ihr aber, für wen hal­tet ihr mich? Simon Petrus ant­wortete: Du bist der Mes­si­as, der Sohn des leben­di­gen Got­tes!

Mar­kus 8,27–29
Jesus ging mit sei­nen Jün­gern in die Dör­fer bei Cäs­area Phil­ip­pi. Unter­wegs frag­te er die Jün­ger: Für wen hal­ten mich die Men­schen? Sie sag­ten zu ihm: Eini­ge für Johan­nes den Täu­fer, ande­re für Eli­ja, wie­der ande­re für sonst einen von den Pro­phe­ten. Da frag­te er sie: Ihr aber, für wen hal­tet ihr mich? Simon Petrus antworte­te ihm: Du bist der Mes­si­as!

Lukas 9,18–20
Jesus bete­te ein­mal in der Ein­samkeit, und die Jün­ger waren bei ihm. Da frag­te er sie: Für wen hal­ten mich die Leu­te? Sie ant­wor­teten: Eini­ge für Johan­nes den Täu­fer, ande­re für Eli­ja; wie­der ande­re sagen: Einer der alten Pro­pheten ist auf­er­stan­den. Da sag­te er zu ihnen: Ihr aber, für wen hal­tet ihr mich? Petrus antworte­te: Für den Mes­si­as Got­tes.

Aber nur bei Mat­thä­us [6] spricht Jesus anschlie­ßend direkt zu Petrus:

Jesus sag­te zu ihm: Selig bist du, Simon Bar­jo­na; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offen­bart, son­dern mein Vater im Him­mel. Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf die­sen Fel­sen wer­de ich mei­ne Kir­che bau­en und die Mäch­te der Unter­welt wer­den sie nicht über­wäl­ti­gen. Ich wer­de dir die Schlüs­sel des Him­mel­reichs geben; was du auf Erden bin­den wirst, das wird auch im Him­mel gebun­den sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Him­mel gelöst sein. (Mt 16,17–19)

Es gibt auch ande­re Sze­nen im NT, die nur in einem der drei syn­op­ti­schen Evan­ge­li­en erwähnt wer­den, zum Bei­spiel die Flucht nach Ägyp­ten oder Jesu Gang über das Was­ser. Wäh­rend es sich dort aber um in sich abge­schlos­se­ne Bege­ben­hei­ten han­delt, ist Mt 16,17–19 Teil eines Dia­logs, der auch bei den ande­ren Syn­op­ti­kern geschil­dert wird.

Es ist uner­klär­lich, war­um die ande­ren drei Evan­ge­lis­ten die­ses Jesus-Wort, das von so gro­ßer Bedeu­tung für die Kir­che ist, nicht erwäh­nen.

 

3. Wahrscheinlich gehen diese Worte nicht auf Jesus zurück.

Wenn Jesus mit die­sen Wor­ten sei­ne Kir­che gegrün­det hat, ist schwer zu erklä­ren, war­um Mar­kus und Lukas sie nicht erwähnt haben – es sei denn, Jesus hät­te sie nicht so gemeint und die Jün­ger nicht so ver­stan­den, wie sie die Kir­che in spä­te­ren Jahr­hun­der­ten (bis heu­te) inter­pre­tier­te.

Sehr viel wahr­schein­li­cher ist, dass die Wor­te so gar nicht gefal­len sind. Selbst der Katho­lische Erwach­se­nen-Kate­chis­mus gibt zu, dass die­sen Text „vie­le Schrift­aus­le­ger im jet­zi­gen Wort­laut nicht dem irdi­schen Jesus sel­ber zuschrei­ben.“ [7], dass es sich also mög­li­cher­wei­se um spä­te­re Ergän­zun­gen han­delt. [8]

Der katho­lische Theo­lo­ge Prof. Karl Heinz Ohlig wird deut­li­cher:

Die­ses Wort geht sicher nicht auf Jesus zurück und es kann auch nicht ein Lei­tungs­amt in der Kir­che mei­nen: das Mat­thäu­sevan­ge­li­um wird als ‚bru­der­schaft­li­ches Evan­ge­li­um‘ bezeich­net, weil es alle Amts­an­sprü­che ablehnt, der Jün­ger (nicht: der Apos­tel) der zen­tra­le Begriff ist und die (unhier­ar­chi­sche) Gemein­de der Jün­ger als ent­schei­den­de Grö­ße hin­ge­stellt wird (vgl. Mt 18). [9]

 

4. Jesus hat sich sehr ungenau ausgedrückt.

Wenn man davon aus­geht, dass es sich um authen­ti­sche Jesus-Wor­te han­delt, muss es über­ra­schen, wie vage er sich aus­ge­drückt hat. Schließ­lich geht es hier – nach Inter­pre­ta­ti­on der Kir­che – um nichts Gerin­ge­res als die Beru­fung des Stell­ver­tre­ters Chris­ti auf Erden. Es hät­te vie­le Miss­ver­ständ­nis­se und Strei­te­rei­en unter den Chris­ten ver­mie­den, wenn Jesus zum Bei­spiel so for­mu­liert hät­te:

Wenn ich nicht mehr bei euch bin, dann sollst du, Simon Petrus, mein Stell­ver­tre­ter sein; dir schen­ke ich die Gna­de, mei­ne Leh­re unver­fälscht wei­ter­zu­ge­ben; dir gebe ich alle Voll­mach­ten, mei­ne Kir­che zu füh­ren, bis sie nach dei­nem Tod auf dei­nen Nach­fol­ger über­ge­hen.

 

5. Welchen Beinamen hatte Simon?

Es ist unklar, wann und war­um Simon sei­nen Bei­na­men bekam.

Mt 16,18 erweckt den Ein­druck, Jesus habe Simon [10] bei die­ser Gele­gen­heit den Namen Petrus ver­lie­hen. Der Ein­druck täuscht. Im Mat­thä­us-Evan­ge­li­um hat­te Simon die­sen Bei­na­men bereits, bevor ihn Jesus am See Gen­nesa­ret das ers­te Mal ansprach (Mt 4,18).

Bei Mar­kus (Mk 3,16), Lukas (Lk 6,14) und Johan­nes (Joh 1,42) steht, dass Simon sei­nen Bei­na­men von Jesus bekam, aber das geschah jeweils zu einem frü­he­ren Zeit­punkt. Eine Erklä­rung nen­nen die­se Evan­ge­lis­ten nicht. Sie kön­nen den Bei­na­men jeden­falls nicht als Anspie­lung auf das „Fun­da­ment der Kir­che“ ver­stan­den haben, weil sie die „Petrus-Beru­fung“ – ohne den die Anspie­lung unver­ständ­lich bleibt – uner­wähnt las­sen (sie­he Nr. 2).

Die Mehr­heit der Exege­ten ver­mu­tet sogar, dass die Bezeich­nung Kepha erst nach dem Tod Jesu ent­stan­den ist. [11]

 

6. Jesus nennt ihn nicht Petrus, sondern כיפא (kefa).

Petrus ist ein latei­ni­scher Name. Jesus und die Jün­ger spra­chen aber nicht Latein, son­dern Ara­mä­isch, eine kana­anäi­sche Spra­che, die mit dem Hebräi­schen ver­wandt ist. Simon wur­de nicht Petrus [12] genannt, son­dern כיפא = kefa, was Fels­bro­cken, Kie­sel, loser Stein oder Edel­stein bedeu­tet.

Die Evan­ge­li­en wur­den in grie­chi­scher Spra­che ver­fasst. Dort wur­de der ara­mäi­sche Name als Κηφᾶς = Kephas wie­der­ge­ge­ben. Pau­lus ver­wen­det in sei­nen Brie­fen aus­schließ­lich die­sen Namen.

In den übri­gen Schrif­ten des Neu­en Tes­ta­ments wird כיפא = kefa mit dem alt­grie­chi­schen Namen Πέτρος = Pétros (lat.: Petrus) gleich­ge­setzt, der sei­ner­seits von πέτρα = Pétra (lat.: petra) abstammt. Pétros bezeich­ne­te wie das ara­mäi­sche kefa einen ein­zel­nen Natur­stein, run­den Kie­sel oder Klum­pen, der nicht als Bau­grund geeig­net ist, petra hin­ge­gen einen ein­zel­nen Fel­sen. [13]

 

7. Jesus spricht nicht davon, seine Kirche auf Petrus zu erbauen.

Jesus sag­te nicht: „Du bist Petrus, auf dir wer­de ich mei­ne Kir­che bau­en“, son­dern:

… κἀγὼ δέ σοι λέγω ὅτι σὺ εἶ Πέτρος, καὶ ἐπὶ ταύτῃ τῇ πέτρᾳ
… ego dico tibi quia tu es Petrus et super hanc petram aedi­fi­c­abo …
… du bist Petrus, auf die­sen Fels wer­de ich mei­ne Kir­che bau­en …

Pétros / Petrus und pétra / petra bezeich­nen unter­schied­li­che Din­ge.

So kann die­ses Wort auch genau ent­ge­gen­ge­setzt ver­stan­den wer­den:

Du, Simon, bist ein klei­ner Stein – mei­ne Gemein­de wer­de ich auf einen Fel­sen bau­en.

 

8. „Stein“ und „Fels“ sind im NT oft ein Synonym für Jesus Christus.

Denn sie tran­ken aus dem Leben spen­den­den Fel­sen, der mit ihnen zog. Und die­ser Fels war Chris­tus. (1 Kor 10,3–4)

Kommt zu ihm, dem leben­di­gen Stein, der von den Men­schen ver­wor­fen, aber von Gott aus­er­wählt und geehrt wor­den ist. (1 Petr 2,4)

Für jene aber, die nicht glau­ben, ist die­ser Stein, den die Bau­leu­te ver­wor­fen haben, zum Eck­stein gewor­den, zum Stein, an den man anstößt, und zum Fel­sen, an dem man zu Fall kommt. (1 Petr 2,7–8)

… wie es in der Schrift heißt: Sie­he, ich rich­te in Zion einen Stein auf, an dem man anstößt, einen Fels, an dem man zu Fall kommt. Wer an ihn glaubt, wird nicht zugrun­de gehen. (Röm 9,33)

Auch im Alten Tes­ta­ment wird „Fels“ als Umschrei­bung für Gott ver­wen­det. Allein in den Psal­men wird Gott 19 mal als „Fel­sen“ bezeich­net. Eini­ge Bei­spie­le:

Wer ist ein Fels, wenn nicht unser Gott? (Ps 18,32)

Er heißt: der Fels. (5 Mose 32,4)

An den Fels, der dich gezeugt hat, dach­test du nicht mehr, du ver­ga­ßest den Gott, der dich gebo­ren hat. (5 Mose 32,18)

Nie­mand ist hei­lig, nur der Herr; denn außer dir gibt es kei­nen [Gott]; kei­ner ist ein Fels wie unser Gott. (1 Sam 2,2)

Herr, du mein Fels, mei­ne Burg, mein Ret­ter (2 Sam 22,2)

 

9. Nicht Petrus ist das Fundament der Kirche, sondern Christus selbst.

Denn einen ande­ren Grund kann nie­mand legen
als den, der gelegt ist: Jesus Chris­tus. (1 Kor 3,11)

Im Gleich­nis vom Haus­bau sagt Jesus:

Wer die­se mei­ne Wor­te hört und danach han­delt, ist wie ein klu­ger Mann, der sein Haus auf Fels bau­te. Als nun ein Wol­ken­bruch kam und die Was­ser­mas­sen her­an­flu­te­ten, als die Stür­me tob­ten und an dem Haus rüt­tel­ten, da stürz­te es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut. Wer aber mei­ne Wor­te hört und nicht danach han­delt, ist wie ein unver­nünf­ti­ger Mann, der sein Haus auf Sand bau­te. Als nun ein Wol­ken­bruch kam und die Was­ser­mas­sen her­an­flu­te­ten, als die Stür­me tob­ten und an dem Haus rüt­tel­ten, da stürz­te es ein und wur­de völ­lig zer­stört. (Mt 7,24–27)

Jesus und sein Wort sind der Fels – Men­schen sind nur Sand.

Der Hl. Augus­ti­nus von Hip­po (354–430), der bedeu­tends­te Kir­chen­leh­rer, wider­spricht der Inter­pre­ta­ti­on, Jesus habe die Kir­che auf Petrus erbaut:

Du bist Petrus und auf die­sen Fel­sen, wel­chen du ken­nen gelernt hast, näm­lich dein Bekennt­nis: Du bist Chris­tus des leben­di­gen Got­tes Sohn, will ich mei­ne Kir­che bau­en, auf mich selbst, der ich der Sohn des leben­di­gen Got­tes bin: ich will sie bau­en auf mich, nicht auf dich. [14]

Der Hl. Hil­ari­us von Poi­tiers (315–367), Bischof und Kir­chen­leh­rer, schreibt in sei­nem zwei­ten und sechs­ten Buch über die Drei­ei­nig­keit:

Der Fel­sen ist der geseg­ne­te und ein­zi­ge Fel­sen des Glau­bens, wel­chen der Mund des hei­li­gen Petrus bekann­te.

Es ist auf die­sen Fel­sen des Glau­bens­be­kennt­nis­ses, dass die Kir­che gebaut wur­de!

Der Hl. Chryso­sto­mus († 407), Erz­bi­schof von Kon­stan­ti­no­pel und Kir­chen­leh­rer, schreibt in sei­ner 53. Pre­digt über Mat­thä­us:

Auf die­sen Fel­sen will ich mei­ne Kir­che grün­den – das ist, auf die­ses Glau­bens­be­kennt­nis.

Der Hl. Kyrill von Alex­an­dria († 444), Patri­arch von Alex­an­dria und Kir­chen­leh­rer, schreibt in sei­nem vier­ten Buch über die Drei­ei­nig­keit:

Ich glau­be, dass man unter dem Fel­sen den uner­schüt­ter­li­chen Glau­ben der Apos­tel ver­ste­hen muss.

 

10. Der Beiname kefa (Fels) kann auch anders gedeutet werden.

Beson­ders wenn man berück­sich­tigt, dass Simon sei­nen Bei­na­men nicht erst im Zusam­men­hang mit der „Petrus-Beru­fung“ bekom­men hat, sind ande­re Deu­tun­gen mög­lich:

  • Unmit­tel­bar vor Mt 16,18 spricht ihn Jesus als Simon Bar­jo­na an. Der ara­mäi­sche Name kann mit „Sohn des Jona“ über­setzt wer­den. [15] Als Adjek­tiv bedeu­tet bar­jo­na aber auch „impul­siv“ oder „unbe­herrscht“. Dar­in sehen eini­ge Exege­ten einen Hin­weis auf eine mög­li­che frü­he­re Zuge­hö­rig­keit Simons zu der para­mi­li­tä­ri­schen Wider­stands­be­we­gung der Zelo­ten, da im spä­te­ren Tal­mud jüdi­sche Frei­heits­kämp­fer als bar­jonim (Plu­ral) bezeich­net wur­den. [16]
    Der Bei­na­me könn­te also auch eine Anspie­lung auf sei­ne Zeit als radi­ka­ler, „stein­har­ter“ Wider­stands­kämp­fer sein.
    .
  • Simon Petrus erwies sich zu Jesu Leb­zei­ten als schwach und wan­kel­mü­tig: Er ging vor Angst unter, als Jesus ihn auf­for­der­te, über das Was­ser zu gehen (Mt 14,31), er schlief mehr­mals ein, als Jesus im Gar­ten Get­se­ma­ni bete­te (Mt 26,40), er ver­leug­ne­te Jesus nach sei­ner Fest­nah­me (Lk 22,57). Er han­del­te außer­dem oft spon­tan und unüber­legt: Er ver­such­te, Jesus von sei­nem Weg abzu­brin­gen (Mt 16,22), er woll­te für Jesus, Moses und Eli­ja Hüt­ten auf einem Berg bau­en („er wuss­te näm­lich nicht, was er sagen soll­te“, Lk 9,33), er wei­ger­te sich zunächst, sich von Jesus die Füße waschen zu las­sen (Joh 13,8), er schlug bei der Fest­nah­me Jesu mit dem Schwert um sich (Joh 18,10).
    Der Bei­na­me „Fels“ könn­te also auch pro­gram­ma­tisch gemeint sein, als Ermun­te­rung Jesu, mehr Fes­tig­keit, Beharr­lich­keit und Stand­haf­tig­keit zu zei­gen.
    .
  • Man­che Theo­lo­gen ver­mu­ten, dass Jesus den ara­mäi­schen Begriff kefa im Sinn von sel­ten auf­find­ba­rem „Edel­stein“ (sie­he Nr. 6) ver­wen­de­te, um sei­ne beson­de­re Rol­le als Wort­füh­rer der Apos­tel her­vor­zu­he­ben. Die Sinn­ver­schie­bung zu „Fels“ als Fun­da­ment der Kir­che sei eine nach­ös­ter­li­che Umdich­tung. [17]

 

11. Die Worte sind nicht allein an Petrus gerichtet.

Die Kir­che lehrt, dass die Bibel kei­ne Zusam­men­stel­lung von his­to­ri­schen, abge­schlos­se­nen und längst ver­gan­ge­nen Bege­ben­hei­ten ist, son­dern dass sich Gott mit der Hei­li­gen Schrift an alle Men­schen rich­tet.

  • Wenn Jesus den Pha­ri­sä­ern sagt: „Wer von euch ohne Sün­de ist, wer­fe als Ers­ter einen Stein auf sie!“ (Joh 8,7), dann ist es ein Appell an alle Chris­ten, ande­re Men­schen nicht leicht­fer­tig zu ver­ur­tei­len.
    .
  • Wenn Jesus sagt: „Mar­ta, Mar­ta, du machst dir vie­le Sor­gen und Mühen. Aber nur eines ist not­wen­dig!“ (Lk 10,41), dann ist es eine Mah­nung an alle Chris­ten, bei allen Pflich­ten des All­tags das Wesent­li­che nicht zu ver­ges­sen.
    .
  • Wenn Jesus zu Petrus und Andre­as sagt: „Kommt her, folgt mir nach! Ich wer­de euch zu Men­schen­fi­schern machen.“ (Mk 1,17), dann ist das der Auf­ruf an alle Chris­ten, Men­schen für das Reich Got­tes zu gewin­nen.
    .
  • Wenn Jesus zu den Jün­gern sagt: „Wer der Ers­te sein will, soll der Letz­te von allen und der Die­ner aller sein.“ (Mk 9,35), dann ist es eine War­nung an alle Chris­ten, nicht nach Macht und Anse­hen zu stre­ben.

Es ist nicht zu erken­nen, war­um spe­zi­ell die­se drei Jesus­wor­te (sie­he ganz oben) aus­schließ­lich an Petrus – und die spä­te­ren Bischö­fe von Rom – gerich­tet sein sol­len. [18]

 

12. Ein Gebäude hat nur ein Fundament.

Wenn wir – trotz der vor­he­ri­gen Argu­men­te – davon aus­ge­hen, dass Jesus mit die­sen Wor­ten Petrus dazu bestimmt hat, das Fun­da­ment sei­ner Kir­che zu sein, dann kann er damit nur Petrus selbst gemeint haben, nicht ein „Petrus-Amt“ oder die Nach­fol­ger des Petrus: Denn es kann nur ein Fun­da­ment geben, auch wenn das dar­auf errich­te­te Gebäu­de stän­dig wächst und ver­än­dert wird.

 

Aus tech­ni­schen Grün­den stim­men die fol­gen­den Num­mern der Fuß­no­ten nicht mit den Fuß­no­ten-Num­mern im Text über­ein. (Das Pro­gramm beginnt die Zäh­lung auf jeder Sei­te mit 1.) Die Ver­lin­kung der Fuß­no­ten funk­tio­niert aber!

   
  1. Beim Autor des Mat­thä­us-Evan­ge­li­ums han­delt es sich sehr wahr­schein­lich nicht um den Apos­tel Mat­thä­us. Nach der his­to­risch-kri­ti­schen „Zwei­quel­len-Theo­rie“ haben die Autoren des Mat­thä­us- und Lukas-Evan­ge­li­ums zwei glei­che Quel­len ver­wen­det, das Mar­ku­sevan­ge­li­um und eine nicht erhal­te­ne, soge­nann­te „Logi­en­quel­le“, ergänzt durch eige­nes münd­li­ches und schrift­li­ches „Son­der­gut“. Ein Apos­tel als Augen­zeu­ge wür­de nicht das Mate­ri­al eines Nicht-Apos­tels (Mar­kus) ver­wen­det haben. http://de.wikipedia.org/wiki/Evangelium_nach_Matthäus
  2. Katho­li­scher Erwach­se­nen-Kate­chis­mus, Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz, 1985; Band 1, Sei­te 302
  3. Die Inter­po­la­ti­ons­theo­rie ist eine bibel­wis­sen­schaft­li­che Theo­rie, nach der bestimm­te Tei­le des Bibel­tex­tes von Bear­bei­tern nach­träg­lich ein- und hin­zu­ge­fügt („inter­po­liert“) wur­den. Der katho­lische Fun­da­men­tal­theo­lo­ge Prof. Dr. Albert Lang schreibt in „Der Auf­trag der Kir­che, Band 2“ (1954): „Die lite­ra­ri­sche Echt­heit vom Mt 16,17 ff. wird heu­te nur noch sel­ten bestrit­ten, da sich ein ande­rer Aus­weg dar­ge­bo­ten hat, die Beweis­kraft des Pri­mats­tex­tes abzu­bie­gen. Der Text wur­de, so sagt man, von der schöp­fe­ri­schen Kraft der jun­gen Chris­ten­ge­mein­de geschaf­fen wie vie­le ande­re Tex­te. Mt 16, 17–19 sei kein Her­ren­wort; es sei zwar lite­ra­risch, aber nicht geschicht­lich echt, d. h. es sei zwar von Mat­thä­us geschrie­ben, aber nicht von Chris­tus gespro­chen wor­den (Evo­lu­ti­ons­theo­rie).“ http://​www​.kath​-info​.de/​p​r​i​m​a​t​.​h​tml
  4. Karl Heinz Ohlig: „Das Papst­amt und sei­ne Geschich­te“ (2006); http://​www​.phil​.uni​-sb​.de/​p​r​o​j​e​k​t​e​/​i​m​p​r​i​m​a​t​u​r​/​2​0​0​5​/​i​m​p​0​5​0​7​0​5​.​h​tml
  5. Alle Evan­ge­li­en nen­nen als Namen Simon; Jesus redet ihn bis auf eine Aus­nah­me (Lk 22,34) immer so an. Apg 15,14 und 2 Petr 1,1 nen­nen ihn Syme­on: Dies war eine Grä­zi­sie­rung von Sime­on, wie im Tanach einer der Söh­ne Jakobs und Stamm­vä­ter der Zwölf Stäm­me Isra­els hieß.
  6. Karl Heinz Ohlig (Pro­fes­sor für Katho­lische Theo­lo­gie) in: „Das Papst­amt und sei­ne Geschich­te“ (2006)
    http://​www​.phil​.uni​-sb​.de/​p​r​o​j​e​k​t​e​/​i​m​p​r​i​m​a​t​u​r​/​2​0​0​5​/​i​m​p​0​5​0​7​0​5​.​h​tml
  7. Petrus ist nicht das latei­ni­sche Wort für „Fels“, son­dern ein von petra (s.o.) abge­lei­te­ter Eigen­na­me.
  8. http://​de​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​S​i​m​o​n​_​P​e​t​rus
  9. Die­ses und die fol­gen­den Zita­te nach der „Rede Des Bischofs Stroß­may­er Über Die Unfehl­bar­keit des Paps­tes“, Köln 1872
    http://​angli​can​histo​ry​.org/​o​c​/​s​t​r​o​s​s​m​a​y​e​r​_​r​e​d​e​.​pdf
  10. Nach Joh 1,42 hieß sein Vater aber Johan­nes, so dass die­se Inter­pre­ta­ti­on des Wor­tes bar­jo­na eher unwahr­schein­lich ist.
  11. Sie­he http://​de​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​S​i​m​o​n​_​P​e​t​rus und http://​de​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​Z​e​l​o​ten
  12. Pro­fes­sor Otto Böcher: Petrus I, in: Theo­lo­gi­sche Real­enzy­klo­pä­die, 4. Auf­la­ge 1996, Band 26, S. 268
  13. Man­fred Kock (EKD-Rats­vor­sit­zen­der 1997–2003) in sei­nem Vor­trag „Das Papst­amt aus evan­ge­li­scher Per­spek­ti­ve“ am 04.09.2001: „Die Zusprü­che an Petrus in Mt 16,17–19 und Joh 21,15ff gel­ten der gan­zen Kir­che und sind in allen ihren Ämtern wirk­sam. Eine Hier­ar­chie der Ämter, wie auch ein his­to­ri­scher Nach­fol­ge­au­to­ma­tis­mus fin­det sich in der Über­lie­fe­rung der Hei­li­gen Schrift nicht. Kri­te­ri­um für die Chris­tus­nach­fol­ge ist das Bekennt­nis, wie es Petrus gespro­chen hat, nicht aber Petrus sel­ber als Beken­ner.“ http://​www​.ekd​.de/​v​o​r​t​r​a​e​g​e​/​k​o​c​k​/​6​2​1​3​.​h​tml

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