Leserbriefe

Darf man einen Bischof kritisieren?

Zum Leserbrief „Nicht richten“ von Philip Hockerts und zum Interview mit Kai Diekmann · Neue KirchenZeitung, Nr. 28/2004 · Seite 2 und 14

In der Aus­ga­be 24/2004 berich­te­te die NKZ unter dem Titel „... und den Clowns kamen die Trä­nen. Ein dras­ti­scher Witz über Bischof Mül­ler bringt zwei Pries­ter in Bedräng­nis“ über eine Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen dem Regens­bur­ger Bischof Mül­ler und zwei sei­ner Pries­ter – bei der sich offen­sicht­lich auch der Bischof nicht so ganz kor­rekt ver­hal­ten hat. Der Pres­se­spre­cher des Bischofs kri­ti­sier­te in einem Leser­brief die Bis­tums­pres­se:

Mit großer Verwunderung habe ich die­sen Beitrag gelesen, in dem die journalistischen Grundsätze wenig Anwendung finden. „Die Achtung vor der Wahrheit“ und die „wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit“ fordert der Pressekodex des Deutschen Journalistenverbandes. Und weiter: „Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen.“ Genau dies tut der Autor nicht, viermehr rührt er Gerüchte und Vermutungen mit eigenen Schlussfolgerungen zusammen und serviert das Ergebnis als einen vermeintlich objektiven Schuldspruch. Schon in der Überschrift findet sich die erste falsche Behauptung. Natürlich ist es nicht ein „drastischer Witz“, der hier zwei Priester in Bedrängnis bringt, sondern vielmehr das bewusste und kalkulierte Negieren der Lehre der katholischen Kirche. Die Kette der Falschdarstellungen reißt von nun an nicht mehr ab, was an sich schon recht ärgerlich ist.
Besondern schmerzhaft wird es jedoch dadurch, dass dieser journalistische Tiefschlag in einer katholischen Kirchenzeitung zu lesen ist. Argumentiert wird, als würde hier ein Politiker gegen eine Satirezeitschrift vorgehen wollen. Dass aber ein Bischof zwei Priester in die Einheit seines Presbyteriums zurückzuführen versucht, erschließt sich dem Autor offensichtlich nicht. Das Kirchenrecht verbiete weder journalistische Betätigung noch Kritik am Vorgesetzten, so schreibt er. Jedoch: Hier wird kein Prozess geführt, bei dem der Autor den Vorsitz als Richter innehat. Hier geht es nicht um „Rechtsdinge“, um „ordentliche Verfahrenswege“, die „außer Acht gelassen“ werden. Auch setzt der Bischof nicht die „Verfassung außer Kraft“, wie der Autor behauptet. „Haltet ein, Euer Ehren!“, so möchte man ausrufen. Hier geht es um das unmittelbare Ver­hältnis eines Bischofs zu seinen Priestern, ein Verhältnis, das vom Zweiten Vatikanischen Konzil als das „eines Vaters zu seinen Söhnen“ beschrieben wurde. Weltliche Rechtsmaßstäbe lassen sich in diesem Fall ebenso wenig anlegen, wie man das Wesen der Kirche mit staatstheoretischen Vorstellungen gleich­setzen kann. Wenn schon all das einem katholischen Redakteur einer Kirchenzeitung unbekannt ist, so sollte er sich wenigstens auf das konzentrieren, was seine Aufgabe ist: Nicht zu richten, sondern zu berichten.
Phillip Hockerts, Pressestelle der Diözese Regensburg

Bei dem Inter­view mit Kai Dieck­mann han­delt es sich um einen Bei­trag der evan­ge­li­schen Radio­kirche, aus der Rei­he „Was glau­ben Sie?“, die jeden Sams­tag auf NDR Info gesen­det wird.

Phil­ip Hockerts, Pres­se­spre­cher der Diö­ze­se Regens­burg, ver­misst in dem Arti­kel über Bischof Mül­ler „die Ach­tung vor der Wahr­heit“, spricht von einer „Ket­te der Falsch­dar­stel­lun­gen“ und einem „journa­listi­schen Tief­schlag“. Die­se Vor­wür­fe sind unge­recht­fer­tigt. Die Fak­ten stim­men mit dem über­ein, was an­de­re seriö­se Medi­en (Münch­ner Mer­kur, Süd­deut­sche Zei­tung, Publik Forum, Baye­ri­scher Rund­funk u.a.) über die­sen Fall berich­tet haben – nur dass der Ton­fall in der Neu­en Kir­chen­Zei­tung deut­lich zu­rückhal­ten­der ist. Wahr­schein­lich geht es Herrn Hockerts weni­ger dar­um, wie der Bischof kri­ti­siert wur­de, son­dern dass er (von einer katho­li­schen Kir­chen­zei­tung!) kri­ti­siert wur­de. Er erin­nert in sei­nem Leser­brief dar­an, dass vom Kon­zil das Ver­hält­nis eines Bischofs zu sei­nen Pries­tern als das „eines Vaters zu sei­nen Söh­nen“ beschrie­ben wur­de, und fol­gert, dass welt­li­che Rechts­maß­stä­be in die­sem Fall nicht gel­ten. Im glei­chen Absatz des Kon­zil­tex­tes heißt es: „Die Gläu­bi­gen müs­sen dem Bischof anhan­gen... wie Jesus Chris­tus dem Vater“ (Lumen gen­ti­um, 27). Wenn Herr Hockerts die von ihm ange­mahn­ten „jour­na­lis­ti­schen Grund­sät­ze“ die­sem Gebot unter­ord­net und damit sei­nen Bischof und Dienst­herrn über alle Kri­tik erhebt, ver­ste­he ich aller­dings sei­nen Ärger ...

Das soll aber nicht bedeu­ten, dass ich mit der jour­na­lis­ti­schen Arbeit der Redak­ti­on immer ein­ver­stan­den bin: Schon im ver­gan­ge­nen Herbst (Nr. 38) stell­te die Neue Kir­chen­Zei­tung Kai Diek­mann, den Chef­re­dak­teur der BILD-Zei­tung, als nach­denk­li­chen Chris­ten mit ethisch-mora­li­schem Anspruch vor. In der vergange­nen Aus­ga­be darf er sich wie­der (unkom­men­tiert!) zu sei­nem christ­li­chen Welt­bild äußern: Die höchs­te christ­li­che Tugend sei für ihn „die Nächs­ten­lie­be, die sich dar­in dann äußern muss in Ach­tung vor dem Ande­ren, in Respekt vor dem Ande­ren, ob ich ihn mag oder nicht.“

Schö­ne Wor­te vom Chef­re­dak­teur einer Zei­tung, die die Respekt­lo­sig­keit zum Prin­zip erho­ben hat!

(„Tro­ja-Star Dia­ne Kru­ger: Vater Alko­ho­li­ker. Suff & Affä­ren zer­stö­ren die Fami­lie“ – „Mut­ter Feld­busch schimpft: Mei­ne Vero­na hat den Fal­schen gehei­ra­tet“ – „Blut. Schreie. Trä­nen. Nena prü­gelt sich für ihre Toch­ter“ – „Schock für Ber­ti. Ex-Freund war mit sei­ner Frau im Bett“ – „Brit­ney Spears: Das wil­de Sex-Pro­to­koll ihrer Blit­ze­he. Jetzt packt ihr Ex-Mann aus“)

Bei die­ser Schein­hei­lig­keit kommt mir das Kot­zen.